Ursula Poznanski: Die Verratenen
Written by Martina Ernst |
 
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Es ist die Zeit nach den Wasserkriegen und Sphärenattentaten. Die Natur erholt sich nur langsam. Endlich ein Hoffnungsschimmer, Eis und Schnee schmelzen, die Taugrenze bewegt sich gen Norden. Ein Teil der Menschen lebt abgeschieden in Sphären, großen, künstlichen Kuppeln mit Röhrenverbindungen. Sie werden auch als Lieblinge des Schicksals bezeichnet. Der andere Teil muss in der kalten Außenwelt zu Recht kommen. Man nennt sie die Ausgebeuteten. Sie leben in Clans, leiden an Hunger und kämpfen jeden Tag mühsam ums Überleben. Bei Sphärenbewohnern zählt nur die Leistung, Punkte sammeln und ein guter Platz in der Reihung. Ria hat es auf Platz Sieben geschafft. Sie ist ein Sprachtalent und kann in Gesichtern lesen wie in einem Buch. Durch Zufall belauscht sie ein Gespräch und erfährt, dass sie mit fünf anderen zu den Verrätern am Sphärenbund zählt und getötet werden soll. Ein Nervenkrieg beginnt. Wem kann sie noch trauen und welcher Verrat wird ihnen eigentlich vorgeworfen? Bei der Flucht landen die Sechs in der Außenwelt und sind zahllosen Gefahren ausgesetzt.

 

Zu Beginn wird man in die Geschichte etwas hilflos hinein geworfen und muss sich als Zuhörer erst zu Recht finden. In Buchform ist es wahrscheinlich einfacher, der Geschichte anfangs zu folgen, weil man ohne Probleme zurückblättern und Informationen nachlesen kann. Die Geschichte entwickelt schnell ein hohes Tempo. Leider fehlt eine Beilage mit nützlichen Infos über Begebenheiten und Figuren. Man soll sich die Geschichte also selbst durch konzentriertes Zuhören erarbeiten. Das passiert auch recht schnell. Ist man erst einmal in die Welt der Verratenen eingetaucht, spuckt sie einen auch nicht so leicht wieder aus. Man hat das unbändige Verlangen, die Geschichte in einem Stück zu hören. Eine Ausnahmesituation nach der anderen reiht sich aneinander. Ein Durchatmen ist kaum möglich.

„Man kann die Welt mit Worten aus den Angeln heben.“ Die Autorin Ursula Poznanski steigert die Spannung mit den besonderen Talenten der Hauptfigur. Umstimmung und Überredung zählen zu Rias Stärken. In einigen brenzligen Situationen schafft Ria es, allein mit Worten oder mit ihrer außergewöhnlichen Auffassungsgabe das Schicksal für die Sechs zu wenden. Das unterscheidet dieses Buch von vielen anderen Büchern. Keine plumpen Fährten, alles sehr schlau durchdacht und viel Neues für Thriller- und Krimifans. Obwohl ich auch die vorherigen Bücher der Autorin „Erebos“ und „Saeculum“ sehr spannend und außergewöhnlich fand, „Die Verratenen“ ist noch eine Steigerung. Es werden keine ausgetretenen Pfade beschritten. Die Autorin ist immer wieder für Überraschungen gut.

 

Die Sprecherin Julia Nachtmann bringt besonders Rias Gefühlsregungen eindringlich rüber. Mit unterschiedlichem Sprechtempo und Stimmlagen erhöht sie die ohnehin vorhandene Spannung. Man fiebert mit, ist als Zuhörer wie gebannt. Keine Geräusche, keine Musik ist dafür nötig. Alles passt zusammen. Die Stimme klingt angenehm, trägt die Geschichte, Kapitelübergänge verschwinden, ohne dass man es bemerkt. Mit ihrem Schauspieltalent erweckt Julia Nachtmann die einzelnen Figuren zum Leben. Egal ob Entsetzen, Verzweiflung oder Hoffnung, sie trifft den richtigen Ton für die beeindruckende Vielzahl von unterschiedlichen, wichtigen Emotionen.

Das Cover in Schwarz-Weiß wirkt geheimnisvoll, düster, mysteriös, obwohl es nur ein Blatt von unten zeigt. Es erzeugt gleich die richtige Stimmung. Es geht um die Natur, um eine zerstörte Welt, die gerade ins Leben zurückkehrt. Nur die Menschen haben sich noch nicht dahin entwickelt, wirklich Frieden zu schließen. Ein aktuelles Thema, das wie nebenbei als roter Faden mitläuft. Die gewollt sehr kurze, übersichtliche Beilage, ohne nähere Informationen zur Geschichte sorgt zwar, wie schon erwähnt, kurz für Irritierung, passt aber insgesamt zum Konzept. Das Hörbuch ist für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene geeignet.

Am Ende bleiben Fragen offen. Genug Anreiz, um den zweiten Teil der Geschichte ungeduldig zu erwarten. Zu schade, dass dazwischen immer so viel Zeit vergeht. Besser man hört sich den ersten Teil dann noch einmal an. Der Aufmerksamkeit kann das ein oder andere Detail entgangen sein. Das Rätsel ist noch nicht gelöst. Genug Stoff für ausgiebige Diskussionen unter Hörbuchkennern. Die hohen Erwartungen werden sich nicht enttäuscht.

 

Unsere Bewertung:

Sprecher : 

Story:

Aufbau:

Atmosphäre: 

17 Sterne = hervorragend

Cover: © Jumbo

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